„Wir können Zukunft.“ Daran glaubt Vera Schneevoigt fest. Ihr Buch unter dem gleichen Titel kommt als Businessratgeber daher, ist aber viel mehr als das. Nämlich ein Plädoyer für Selbstwirksamkeit und ein Appell an alle, sich bewusst mehr für die Gesellschaft zu engagieren – mit dem fachlichen Wissen, der Zeit und dem Erfahrungsschatz, den jede Karriere mit sich bringt. Die ehemalige Konzernmanagerin, die ihren Beruf zugunsten der Pflege ihrer Eltern aufgegeben hat, geht dabei mit gutem Beispiel voran.
„Ich glaube, das Leben ist ein Kreislauf und das Universum gibt einem immer etwas zurück.“
Vera, wenn ich mich des Klischees bediene, dann haben Rentner:innen ein Leben lang darauf gewartet, im Ruhestand all das zu tun, wofür während der Care- und Erwerbsarbeit keine Zeit war: mit der*dem Partner:in verreisen, die Welt sehen, ein Instrument lernen, ein Buch schreiben. Wie fühlst du dich bei diesem Bild?
Vera Schneevoigt: Ich habe nie etwas aufgeschoben. Ich habe auch keine Bucket List. Für mich ist es wichtig, im Hier und Jetzt zu sein und schöne Dinge in mein Leben zu integrieren. Was nützt es, Pläne zu machen, wenn es sowieso meistens anders kommt, als man denkt. Ich verstehe sehr gut, dass man sich zu Beginn des Ruhestands vielleicht ein Jahr lang auf die faule Haut legen möchte – aber was kommt danach?
herCAREER: Im Sommer 2023 hast du deine Führungsposition aufgegeben, um von München in die Eifel zu ziehen und gemeinsam mit deinem Mann eure Eltern zu pflegen. Welchem Impuls bist du gefolgt?
Ich denke, mein Engagement ist eine grundsätzliche Veranlagung. Ich glaube, das Leben ist ein Kreislauf und das Universum gibt einem immer etwas zurück. Schon meine Oma hat immer gesagt: „Was du gibst, bekommst du zehnfach zurück.“ Und genauso erlebe ich es auch.
herCAREER: Wann hast du angefangen, dich ehrenamtlich zu engagieren?
Das Thema hat für mich mit der Flüchtlingskrise 2015 eine große Bedeutung bekommen, als mein Mann und ich uns entschieden haben, zwei Pflegekinder bei uns aufzunehmen. Damals steckte ich in Arbeit, Arbeit, Arbeit. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Weg zu der Unterkunft war, in der Ahmed und sein Bruder lebten. Ich hatte gerade ein wirklich blödes Telefonat mit einem Vorgesetzten aus Großbritannien geführt und dachte nur: „Ihr habt nicht alle Tassen im Schrank, welche Prioritäten ihr hier setzt – wenn ihr wüsstet, wohin ich gerade gehe!“ Das war ein Schlüsselmoment. Da habe ich gemerkt, dass es so viel Wichtigeres gibt als Arbeit und Karriere.
herCAREER: Ein paar Jahre später kam die Katastrophe an der Ahr ….
Ja, meine Familie dort hatte Glück im Unglück. Aber zu sehen, dass Menschen von einem Tag auf den anderen ihren Lebensmittelpunkt verlieren können – unabhängig davon, wer sie sind, wie viel Geld oder Bildung sie haben –, das war eine weitere einschneidende Erfahrung. Auch weil die Ersten, die vor Ort waren, die AfD und die Zeugen Jehovas waren, die sofort aus dem Leid der Menschen Kapital schlagen wollten.
Mir wurde sehr deutlich, dass wir heute viel mehr Engagement für unsere Gesellschaft und die Demokratie brauchen, als das in den letzten 40 Jahren der Fall war. Also habe ich mein großes berufliches Netzwerk genutzt, um Aufmerksamkeit für die Region zu schaffen.
herCAREER: In „Wir können Zukunft“ rätst du allen Leser:innen, sich schon während der Berufstätigkeit immer wieder die Frage zu stellen: „Was würdest du tun, wenn du diesen Job nicht mehr ausüben könntest?” Und: “Was wirst du tun, wenn du in Rente gehst?“
Es ist wichtig, immer wieder über einen Plan B nachzudenken. Denn man kann nur etwas für andere tun, wenn man genug über sich selbst weiß. Mit anderen Worten: Bevor man sich um andere kümmern kann, muss man sich um sich selbst kümmern können.
herCAREER: Wir haben lange mit der Vorstellung gelebt, dass der Staat unser Sicherheitsnetz ist. Dass eine geradlinige Karriere zu Wohlstand führt, der wiederum zu einer Rente führt, von der man im Alter leben kann. Haben wir dadurch verlernt, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen?
Ich habe mich immer schwer damit getan, Verantwortung abzugeben. Das habe ich auch meinem Vater zu verdanken, der Sozialpolitiker war und mir früh vermittelt hat: „Der Staat ist das eine, aber du musst auch selbst aktiv werden.“ Ich bin froh, in einer Demokratie zu leben und dass bei uns vieles gut geregelt ist. Aber letztlich ist jede:r ihres*seines Glückes Schmied und für das eigene Schicksal selbst verantwortlich. Und wer ist der Staat? Der Staat sind wir! Politik kommt von Polis, von „allen“. Demokratie ist kein Geschenk – man muss dafür arbeiten. Das heißt, wenn wir den Komfort genießen wollen, dass in vielen Bereichen für uns gesorgt wird – dann müssen wir auch bereit sein, der Gemeinschaft dafür etwas zurückzugeben.
herCAREER: Wie bringst du dein berufliches Wissen nun in Pflege und Ehrenamt ein?
Interessanterweise hat die Pflege der eigenen Eltern und Schwiegereltern viel mit Führung zu tun. Wo ist die Grenze zwischen Fürsorge und Übernahme des Kommandos? Gebe ich noch Hilfestellung oder micro-manage ich schon? Das ist ein gegenseitiges Aufeinanderzugehen und ein Lernprozess. Außerdem bin ich sehr organisiert und gut in der Lage, komplexe Situationen pragmatisch zu betrachten und konstruktiv zu lösen. So bin ich gerade dabei, einen Landesverband von „wir pflegen e.V.“ für Rheinland-Pfalz mitzugründen.
herCAREER: Du hast gleich wieder ein neues Ehrenamt übernommen?
Ja. Das ergab sich aus der Situation heraus, denn „wir pflegen“ ist eine Interessenvertretung für pflegende Angehörige. Die Erfahrungen und Kontakte aus meinem Managerinnenleben helfen mir natürlich, wenn es darum geht, auf eine Sache aufmerksam zu machen. Und es ist nicht auszuhalten, woran es überall fehlt!
herCAREER: Woran zum Beispiel?
Es ist erschreckend, wie wenig Pflegende überhaupt über ihre Situation und ihre Bedürfnisse sprechen. Und wie selten vor allem Frauen sich trauen, Forderungen zu stellen, und stattdessen ihre Situation als pflegende Angehörige still ertragen. Ich habe sofort die wirtschaftliche Brille auf und frage mich, was der Staat mit diesem volkswirtschaftlichen Nutzen macht. Ich sehe das so: Ich mache das gerne für meine Angehörigen, aber wir generieren einen volkswirtschaftlichen Nutzen von zighundert Milliarden! Ich wüsste gerne, wie der Staat uns hier unterstützen will. Und dann ist unser Pflegesystem so volatil geworden. Es gibt zu wenig Plätze, zu wenig Personal – und die Informationslage über Rechte und Möglichkeiten ist völlig unübersichtlich.
herCAREER: Du hast dich freiwillig entschieden, eine pflegende Angehörige zu werden. Wo bleiben die Menschen, die sich nicht freiwillig dazu entschieden haben, die zugewanderte Schwiegermutter zu betreuen, kranke oder behinderte Angehörige pflegen? Diejenigen, die deshalb keiner Erwerbsarbeit nachgehen können?
Ja, in diesen Fällen greift der Begriff Ehrenamt zu kurz. Diese Menschen engagieren sich zum Wohle der Gesellschaft. Aber Pflege kann nicht allein Sache der Familie sein. Sie ist auch nicht allein Aufgabe der Politik. Hier müssen Wirtschaft, Politik und Familie zusammenarbeiten und zusammenhalten.
herCAREER: Siehst du gute Ansätze in der Wirtschaft? In deinem Buch schlägst du vor, die Pflegezeit aus unternehmerischer Sicht wie die Elternzeit zu handhaben.
Davon sehe ich leider noch wenig. Die Aufregung um mein Ausscheiden war gerade deshalb so groß. Niemand will sich mit den Themen Invalidität und Tod beschäftigen. Dabei ist es unverantwortlich und auch wirtschaftlich völlig unsinnig. Aber selbst in Familienunternehmen spricht kaum jemand offen über Nachfolge, Ruhestand und Tod. Da geht man lieber insolvent …
herCAREER: Eine Pflegezeit mit anteiligem Gehalt, nach der man wieder einsteigen kann, der vorübergehende Wechsel in Teilzeit, so etwas muss doch möglich sein. Allein schon, um Mitarbeitende zu binden.
Ja, da gäbe es viele Ansatzpunkte. Ich bin zum Beispiel im Dialog mit einem Konzern, der einen Pflegedienst für seine Mitarbeiter:innen eingerichtet hat. Pflegezeiten gehören aus meiner Sicht in die Personalentwicklungsplanung. Unternehmen geben so viel Geld für Risikomanagement aus, aber selten in den Bereichen, die den Menschen betreffen. Da zeigt sich ganz deutlich, dass viele Unternehmen ihre Mitarbeitenden als Ressourcen und nicht als Menschen sehen.
herCAREER: Du bist noch keine zwei Jahre aus deinem alten Job raus, hast neben der Pflege noch eine neue Firma gegründet und schon wieder ein neues Ehrenamt übernommen. Findet die Arbeit dich oder du die Arbeit?
Ich lasse mich nicht in die Ecke drängen als „die erfolgreiche Managerin, die ihre Karriere geopfert hat“. Nein, das war eine ganz persönliche familiäre Entscheidung. Aber es spricht nichts dagegen, diese Aufgabe weiterhin mit meinen kaufmännischen Fähigkeiten zu verbinden. Ich hatte mir Sorgen gemacht, wie sich mein Leben verändern würde, wenn ich nicht mehr in dieser prominenten Position wäre. Aber die Anfragen an mich sind nicht weniger geworden – nur anders.
herCAREER: Wie hat sich dein Blick auf die Arbeit verändert?
Ich bin noch mehr davon überzeugt, dass der Sinn des Lebens nicht nur darin besteht, gut zu sich selbst zu sein. Ich weiß, wie lohnend und schön es ist, die Erfahrung zu machen, etwas für andere zu bewirken. Und ich bin mir sicher, dass es sich auch für viele andere Menschen lohnen würde, das zu erfahren.
Das Interview führte herCAREER-Redakteurin Kristina Appel.
Über die Person
Im September 2022 hat Vera Schneevoigt den Bosch-Konzern verlassen und damit auch ihre 38-jährige Konzernkarriere beendet um sich gemeinsam mit Ihrem Mann um die Betreuung und Pflege der Eltern und Schwiegereltern in Rheinland-Pfalz widmen.
Ihr Engagement in Technologie, Digitalisierung und den Themen mehr Frauen in Start-Up Gründungen, Technik, Diversität, Unterstützung von Flüchtlingen und die Mandate in Beratung und Aufsichtsräten hat sie beibehalten und über Impuls-Vorträge und Panel-Diskussionen wird sie die Aufmerksamkeit auf die verschiedenen Themen weiter ausbauen.
Sie war Beirätin bei Futura GmbH, Borchen, einem IoT Start-Up in der Schädlingsbekämpfung und ist Kuratoriumsmitglied der Fraunhofer AISec, München.
Seit Dezember 2023 unterstützt sie auch die Jobbörse für Frauen, XX-Talents GmbH, München als Beirätin.
Als Beraterin berät sie das Start-Up Silber Salon, Berlin, das sich um digitale Bildung für Senior:innen sowie goAVA, ein Start-Up in Düsseldorf, das sich mit der Nutzung von datengestützten Avataren im Gesundheits-und Service Business beschäftigt
Im Netzwerk encourageventures e.V ist sie außerdem als Investorin und Mentorin engagiert.
Seit Beginn des Jahres 2024 führt sie gemeinsam mit Ihrem Mann, Thomas, die Guiding for Future GmbH, einem Unternehmen, das sich mit der Beratung und Coaching sowie dem Engagement für Transformation mit Empathie und Resilienz beschäftigt und die Unternehmen ( KMU ) und Menschen (Führungskräfte und Mitarbeitende) , vor allem in Krisen- und umfassenden Veränderungssituationen, begleitet und von einem umfassenden Expert:innen Netzwerk unterstützt wird.
Im September ist ihr erstes Buch „Wir Können Zukunft“, das sie gemeinsam mit der Journalistin Vera Hermes geschrieben hat, im Haufe Verlag, erschienen.
Gemeinsam mit ihrem Mann sowie dem Hund Etro, einem Rhodesian Ridgeback-Rüden lebt sie in der Eifel.
Auf der herCAREER Expo am 9. und 10. Oktober 2025 spricht Vera Schneevoigt u.a. mit der Journalistin und herCAREER-Redakteurin Kristina Appel über Leben, Arbeit und ehrenamtliches Engagement.